Insektenerhebung im Naturschutzgebiet „Kalksteinbrüche Rosengarten“ und der Erweiterungsfläche Rosengarten in Gundersheim 2025
Kurze Zusammenfassung und Auszüge aus dem Abschlussbericht
Im Auftrag der BUND Kreisgruppe Wonnegau hat Sabine Schwabe vom Büro für Entomologie (https://www.insektenkunde-schwabe.de/) im Naturschutzgebiet Kalksteinbrüche Rosengarten sowie auf der Erweiterungsfläche Rosengarten in Gundersheim eine Insektenerhebung durchgeführt. Untersucht wurden das Vorkommen der Käfer, mit dem Schwerpunkt auf Laufkäfer sowie der Heuschrecken. Ziel war eine Inventarisierung der Zielgruppen sowie eine Beurteilung der Flächen anhand dieser Zeigerarten/Bioindikatoren aus der Klasse der Insekten, um daraus ableitende Anpassungen von Pflegemaßnahmen zum Erhalt, Schutz und künftiger Ansiedlung von Insekten zu generieren.
Die Insektenerhebung im Jahr 2025 war eine Fortsetzung der im Jahr 2024 bereits auf gleicher Fläche durchgeführten Insektenerhebung.
Flächenbeschreibung:
Das Naturschutzgebiet Kalksteinbrüche Rosengarten liegt im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz und erstreckt sich südwestlich der Ortsgemeinde Gundersheim zwischen der nördlich verlaufenden A61 und der B271 im Süden. Die Fläche des ehemaligen Steinbruchs wurde im Jahr 1978 an den BUND Rheinland-Pfalz verkauft. Seitdem kümmert sich der BUND Wonnegau um die Pflege und den Erhalt der Fläche. Das 11 ha große Gebiet wurde im Jahr 1983 unter Naturschutz gestellt. Der Arten- und Strukturreichtum des Gebietes spiegelt sich in einer reichen Fauna und Flora wider. Zum Schutz und Erhalt dieser biologischen Artenvielfalt wurde im Jahr 2018 über den Landkreis Alzey-Worms, finanziert über die Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz (SNU) aus Mitteln der Ersatzzahlung, eine angrenzende Ackerfläche von ca. 3 ha Größe erworben. Diese Fläche wird innerhalb von 15 Jahren ökologisch aufgewertet und zu artenreichem Grünland entwickelt, um das bedeutende Biotop NSG Kalksteinbrüche weiter aufzuwerten und zu ergänzen. Der BUND Wonnegau, hat für die Untere Naturschutzbehörde der Kreisverwaltung Alzey-Worms die Aufgabe der Aufwertung und Pflege übernommen.
Welche Artengruppen wurden untersucht:
Im Rahmen der Untersuchung wurden vor allem Laufkäfer, sonstige Käfer und Heuschrecken erfasst. Zusätzlich wurden Wanzen, Zikaden, Schmetterlinge und sonstige Insekten miterfasst, um ein vollständiges Bild des Insektenvorkommens zu erhalten. Mehr Informationen zu diesen Artengruppen im Bericht.
Zeitraum:
Die Erfassung der Insekten erfolgte im Zeitraum von März bis Oktober 2025. So wurde gewährleistet, dass auch spezielle Frühjahrs- und Herbstarten, insbesondere bei den Käfern, Schmetterlingen sowie Heuschrecken, erfasst wurden.
Methodik: siehe Bericht
Ergebnisse:
Das Naturschutzgebiet Kalksteinbrüche Rosengarten erzielte mit insgesamt 17.181 Individuen verteilt auf 527 Arten ein beachtliches Ergebnis. Eine große Rolle hat hier auch das Forschungsprojekt „Zum Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft“ gespielt. Durch die Ausbringung der Kadaver wurden zahlreiche Insekten angezogen bzw. haben diese als Brutstätte genutzt. Hieraus ergibt sich auch die sehr hohe Individuenzahl bei den Sonstigen Käfern, allen voran bei den nekrophagen Käfern wie die Aaskäfer, aber auch Histeridae (Stutzkäfer), Buntkäfer (Korynetinae) und Speckkäfer (Dermestidae), die an Aas zu finden sind. Mit dazu beigetragen hat natürlich auch, dass ein Mosaik an verschiedenen Strukturen wie offene Bodenstellen, Hecken und Feldgehölze, sowie Trocken- und Halbtrockenrasen mit der typischen Flora, im Naturschutzgebiet vorhanden ist. So finden viele Arten mit unterschiedlichen Lebensraum- und Nahrungsansprüchen einen Platz. Die hohe Individuenzahl bei den Schmetterlingen mit 2155 Individuen verteilt auf 112 Arten ist auf das in den Sommermonaten reichlich vorhandene Blüh- und Nektarangebot zurückzuführen. Gleiches gilt für die Wanzen und Zikaden, die ebenfalls von dem vorhandenen Mosaik und der reichhaltigen Flora profitieren. Die meisten der nachgewiesenen Wanzenarten sind Pflanzensauger und leben polyphag, d.h. sie nutzen eine Vielzahl von verschiedenen Wirtspflanzen.
Von dem teilweisen sehr hohen Aufwuchs haben auch die Heuschrecken profitiert – 669 Individuen verteilt auf 24 Arten konnten gezählt werden. Für die Laufkäfer, von denen die meisten Arten offene bzw. kurz gehaltene Böden bevorzugen, waren die Bedingungen in vielen Bereichen des NSG nicht gegeben, da hier ein sehr hoher Aufwuchs vorhanden war. In den Sommermonaten waren lediglich in den Randbereichen ideale Flächen zu finden. Trotzdem konnte eine hohe Arten- und Individuenzahl an Laufkäfern nachgewiesen werden, was in großem Maße dem Forschungsprojekt „Zum Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft“ zuzuschreiben ist. Die meisten Laufkäfer konnten an den Kadavern gefunden werden. Laufkäfer ernähren sich räuberisch und wurden durch an den Kadavern vorhandenen anderen Insekten angezogen. Insbesondere die hohe Anzahl der Großlaufkäfer (Carabus spec.) ist ein Ergebnis davon.
Insgesamt konnten im Erfassungszeitraum 527 Arten nachgewiesen werden, dabei wurden in allen erfassten Gruppen nicht nur eine große Anzahl an Arten, sondern auch eine große Aktivitätsdichte, d.h. die Anzahl von Individuen pro Art, dokumentiert. Dies bedeutet, dass die festgestellten Arten mit einer guten Population im NSG vertreten sind.
Die Laufkäfer, als Zielart der Untersuchung, waren mit einer beachtlichen Artenzahl von 56 Arten mit einer teilweisen hohen Aktivitätsdichte vorhanden. Alle festgestellten Laufkäferarten sind typische Vertreter von Halbtrockenrasen, kurzlebigen Ruderalfluren und Pioniergesellschaften, einschließlich Ackerbegleitgrün.
Die weitere Zielart und Bioindikator im NSG Rosengarten sind die Heuschrecken, die mit 24 Arten nachgewiesen wurden. Alle Arten kamen auch in einer hohen Aktivitätsdichte vor. Hier konnten eine große Anzahl der Sichelschrecken (Phaneropteridae) sowie der Beißschrecken (Decticinae) dokumentiert werden. Auch das Grüne Heupferd, Tettigonia viridissima, war in großer Anzahl zu finden. Die Heuschrecken haben im NSG durch den hohen Aufwuchs profitiert und dort einen idealen Lebensraum gefunden.
Bei den Sonstigen Käfern konnten beachtliche 197 Arten nachgewiesen werden. Hier dominierten die Aaskäfer (Silphidae) sowie die Kurzflügler (Staphylinidae). Einen großen Anteil an der hohen Artenzahl hatte das Forschungsprojekt, da an den Kadavern die meisten der vorhandenen Arten nachgewiesen werden konnten. Durch das vorhandene Mosaik unterschiedlicher Vegetationsstrukturen und Bodenbeschaffenheiten bietet das NSG einen idealen Lebensraum für eine Vielzahl an Käfern.
Bei den Schmetterlingen konnten beachtliche 112 Arten mit 2155 Individuen festgestellt werden. Diese finden durch die artenreiche Vegetation geeignete Raupenfutter- und Nektarpflanzen. Bei den Tagfaltern konnten 36 Arten mit 1429 Individuen und bei den Nachtfaltern 76 Arten mit 726 Individuen nachgewiesen werden. Hier war nicht nur die Gesamtindividuenzahl sehr hoch, sondern auch die Anzahl der Individuen pro Art.
Gefährdete und geschützte Arten:
Im Naturschutzgebiet Kalksteinbrüche Rosengarten konnten im Erfassungszeitraum 527 Arten nachgewiesen werden, von denen 69 Arten in der Roten Liste Deutschland und/oder Rheinland-Pfalz aufgenommen sind oder nach BArtSchV geschützt sind. Dies entspricht einem Prozentsatz von 13,1%, was ein guter Wert ist und die Bedeutung des NSG unterstreicht. Zu beachten ist, dass in Rheinland-Pfalz für viele Arten keine Roten Listen existieren. Lediglich für Laufkäfer, Großschmetterlinge, Heuschrecken, Libellen und Bockkäfer existieren Rote Listen, für alle anderen Insektengruppen musste zur Beurteilung des Gefährdungsstatus die Rote Liste Deutschland herangezogen werden. Die meisten gefährdeten bzw. geschützten Arten fanden sich bei den Schmetterlingen. Hier wiesen 28 Arten mit 831 Individuen eine Gefährdungslage bzw. Schutzbedürftigkeit aus, dies entspricht 25% der Arten und 38,56% bei den Individuen, was in beiden Fällen ein sehr hoher Prozentsatz ist und die Bedeutung des NSG unterstreicht. Auch bei den Laufkäfern konnten 15 Arten mit 365 Individuen festgestellt werden. Dies entspricht bei den Arten 26,79% und bei den Individuen 57,03%, d.h. mehr als die Hälfte der festgestellten Individuen der Laufkäfer waren gefährdet oder geschützt – eine beachtliche Zahl. In der Gruppe der Sonstigen Käfern wiesen 13 Arten mit 1041 Individuen eine Gefährdung auf bzw. sind nach BArtSchV geschützt. Bei den Arten entspricht dies 6,6% und bei den Individuen 8,44%. Bei den Sonstigen Käfern konnte erneut der Sensationsfund des Deutschen Totengräbers, Nicrophorus germanicus, mit 107 Individuen wiederholt werden. Dieses bedeutende Ergebnis ist dem Forschungsprojekt „Zum Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft“ geschuldet. Unter den festgestellten Heuschreckenarten waren 3 Arten mit 49 Individuen gefährdet bzw. nach BArtSchV geschützt. Hier lag der Prozentsatz bei 12,5% der Arten und bei 7,32% der Individuen.
Vergleich mit Insektenerhebung 2024:
Aufgrund der in 2024 bereits erfolgten Insektenerhebung stehen nun Vergleichszahlen zur Verfügung, um eine Entwicklung des Insektenvorkommens im NSG Rosengarten zu prüfen. Im Jahr 2024 wurden im NSG Rosengarten insgesamt 2530 Individuen verteilt auf 298 Arten festgestellt werden. Im Jahr 2025 waren es 17.181 Individuen verteilt auf 527 Arten. Eine extreme Steigerung, allen voran bei der Individuenzahl. Zu berücksichtigen sind die natürlich vorkommenden Populationsschwankungen bei den Arten, bedingt durch Wetter und Klima. Das Jahr 2025 war im Vergleich zu 2024 ein sehr gutes Schmetterlingsjahr. Die deutliche Steigerung der Individuenzahl bei den Laufkäfern, Sonstigen Käfern und Sonstigen Insekten ist aber größtenteils auf das Forschungsprojekt und der Ausbringung von Wildtierkadavern zurückzuführen.
Empfehlung und Hinweise für die Biotoppflege:
Bei den Pflegemaßnahmen sollte auf eine der Vegetation und der Entwicklung der Insekten angepasste Pflege geachtet werden (Mahdzeitpunkt), dabei sollte auf eine insektenschonende Mahdtechnik geachtet werden. Es wird dringend empfohlen, eine partielle, rotierende Mahd im Bereich des NSG Rosengarten durchzuführen. Dadurch werden spät oder nicht gemähte Streifen und Inseln belassen – empfohlen sind ca. 5-20% der Fläche. Bei einer zeitgleichen Mahd von >1ha, sollte eine Mosaik- oder Streifenmahd erfolgen. (FARTMANN, JEDICKE, STREITBERGER, STUHLDREHER 2021). Viele der nachgewiesenen Insekten benötigen ein Mosaik aus kurzen sowie höher bewachsenen Bereichen als Lebensraum und zur Entwicklung bzw. Eiablage. Bei der Pflege sollten abschnittsweise die Randbereiche von der Mahd ausgeschlossen werden. Zahlreiche Insekten benötigen Altgrasstreifen zur Eiablage und Entwicklung. Bei der Pflege sollten Altgrasstreifen belassen werden. Die Schlehen (Prunus spinosa) sollten regelmäßig zurückgeschnitten werden zwecks Verjüngung und Verhinderung von Flechtenbildung. Die meisten Schmetterlinge, die ihre Eier an den Schlehen ablegen, z.B. Kleiner Schlehen-Zipfelfalter, Satyrium acaciae, legen diese vorzugweise an Stockausschlägen ab. Der Rückschnitt sollte aber nicht direkt abgeräumt werden, sondern bis zum möglichen Schlupf der Raupen im Frühjahr unter dem Stock verbleiben. Viele Arten profitieren von einem regelmäßigen „auf den Stock setzen“ der Schlehenhecken und der Heckenpflege in mehrjährigem Abstand. Bei Pflegemaßnahmen sollten Bunte Beilwicke und Bärenschote verschont und lediglich alternierend jahrweise gemäht werden. Hiervon würde nicht nur der Kronwicken-Bläuling, Plebejus argyrognomon, der nach BArtSchV besonders geschützt ist und in Rheinland-Pfalz als stark gefährdet (2) gilt, sondern auch die anderen zahlreichen Beilwicken-Bewohner profitieren.
Fazit:
Das Naturschutzgebiet Kalksteinbrüche Rosengarten und die Erweiterungsfläche haben eine hohe Bedeutung für die regionale Biodiversität. Das in 2025 hohe Insektenvorkommen, die hohe Anzahl nachgewiesener Arten sowie der hohe Anteil an gefährdeten bzw. nach BArtSchV geschützten Arten und Individuen zeigen dies sehr deutlich. Das NSG und die Erweiterungsfläche sind trotz oder gerade wegen der Insellage in unserer ausgeräumten rheinhessischen Landschaft, die stark geprägt ist von Landwirtschaft und Weinbau, ein extrem wichtiges Biotop und ein Lebensraum für eine Vielzahl von Insektenarten, auch sehr seltene und besonders geschützte. Das Ergebnis aus dem Jahr 2025 ist ein sehr beachtliches Ergebnis und war so nicht zu erwarten. Großen Einfluss auf das Ergebnis hat das zeitgleich durchgeführte Forschungsprojekt „Tod ist Leben – zum Belassen von Wildtierkadavern in der Landschaft“ gehabt. Durch die Auslegung der Kadaver konnte die Biodiversität und das Insektenvorkommen drastisch erhöht werden. Kadaver sind ein Hotspot der Biodiversität. Nicht zu unterschätzen ist die hohe ökologische Bedeutung der Insekten, da sie sich direkt und besonders stark auf die Biodiversität und auf das gesamte Ökosystem auswirken. Die hohe Individuenzahl von insgesamt 43.345 ist ein beachtliches Ergebnis.
Die Insekten dienen als Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl von Tieren und sind so ein wichtiges Glied der Nahrungskette, z.B. für Vögel, Fledermäuse, Amphibien usw. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Bestäubung der Pflanzen, die allen voran die Schmetterlinge, Sonstigen Käfer und Wanzen übernehmen. Sowohl die Bestäubungsleistung als auch die Nahrungsgrundlage ist im NSG Rosengarten und Erweiterungsfläche gegeben. Das herausragende Ergebnis wirkt sich auch positive auf weitere Tiere, die auf Insekten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind, aus. Durch die Untersuchung wird deutlich, wie wichtig und welche hohe Bedeutung kleinräumige Sonderstandorte haben, wie notwendig zielgerichtete Pflegemaßnahmen dieser Standorte sind, um besondere Arten zu erhalten und zu schützen.
Die vollständigen Ergebnisse sowie die Dokumentation der Insektenerhebung können im Detail im Abschlussbericht von Sabine Schwabe in der pdf-Datei (ca. 7 MB) nachgelesen werden.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Sabine Schwabe für diese tolle Arbeit!